Der magische Trainer – Norwegens Nationalcoach Drillo Olsen _________________________________

Av Odd Magne Hansen, 27. mai 2009

Als die norwegische Nationalelf im Februar Deutschland geschlagen hat, war das für viele Norweger keine große Sensation: Schließlich hatten sie wieder ihren nach dem zweiten Weltkrieg einzigsten erfolgreichen Nationaltrainer zum ersten Mal seit 1998 wieder am Ruder. Reinstalliert mit 66 Jahren, als Nachfolger von dem seit beinahe 4 Jahren notorisch erfolgslosen Åge Hareide.

Ja, das waren Zeiten – die Jahre ab Oktober 1990 bis Juli 1998, als Norwegen mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern, mehrmals den zweiten Rang der FIFA Weltrangliste belegte. Und Drillo, der geniale Trainer mit selbstentwickelten Fußballtheorien,
der sogenannte Professor, der einer der Ersten war, der bei der neuen norwegischen Hochschule für Sport, mit Universitätsstatus, seine Diplomarbeit eingelieferte, und das damals 1973, als Fußball fast nur aus Männern die tagsüber mit Besen oder Werkzeugen in der Hand unterwegs waren, bestand. Abends und am Wochenende spielten sie dann Fußball, so ein, zwei, drei Mal die Woche. Und im Winter, als der Schnee tief lag, und das Thermometer irgendetwas zwischen 0 und minus 20 zeigte, spielten sie dann entweder Eishockey, Bandy oder Handball, oder saßen auf dem Sofa.

Dribbelkünstler
Dann kam also dieser Drillo, ein ehemaliger Angreifer und Dribbelkünstler fast ohne jeglichen
Blick für die Mitspieler, ein Mann der nie defensiv gearbeitet hatte, und lieferte sein Universitätsexamen ab, mit dem Titel „Tore im Fußball“, der Mann, der als Angreifer, rechts außen, 16 Länderspiele auf dem Konto hatte, ohne selbst ein einziges Tor geschossen zu haben.

Seine Theorien haben aber im Laufe der Jahre sogar in fußballwissenschaftlichen Kreisen in England Anerkennung bekommen. Das war ja auch alles in der Zeit, als der englische Fußball für sein „kick and run“, noch mehr als heute, bekannt war. Und dies war ja auch Teil der Theorien von Egil Roger „Drillo“ Olsen. Aber mit System. Das besteht in zonenorientierter Verteidigung (Raumdeckung), Suche nach Breakdowns (Balleroberung in für den Gegner ungünstigen Situationen), und dann hohe Durchbruchsaggressivität, und dann, falls man beim Angreifen den Ball verliert, sofort mit vielen Leuten alles dafür tun, ihn gleich zurückzuerobern. Und – wie er sagt: -Wir können nicht die Besten mit dem Ball am Fuss werden, aber wir können die Besten ohne Ball werden.
Dass soll so viel bedeuten, dass das Defensivverhalten der Norweger und ihre Laufwege beim Ballbesitz die Besten der Welt sein sollten. Technik allein, so seine Philosophie, gewinnt sowieso nie ein Fußballspiel.

Als ich diese Ansichten meinen Kameraden von SG Stuttgart West versucht habe zu erklären, habe ich schon interessante Antworten bekommen.
-Aha, ihr wollt Weltmeister im Fußball ohne Ball sein? Wie die gelacht haben. –Die Besten ohne Ball? Die brüllten vor Lachen. -Ja, beim Langlaufen, dann… Nach dem Norwegen-Länderspiel war’s dann ziemlich ruhig. Das haben sie so gut wie es ging, kommentarlos übergangen. Das war ja zu der Zeit als Petter Northug Axel Teichmann bei der WM sehr alt aussehen lies. Genau so wie die Bayern-Spieler gegen Barcelona… Dem Klinsmann hätte vielleicht ein Kurs beim Drillo nicht geschadet…

Ein anderer Beispiel: Wenn der Gegner beim Ballbesitz Jens Lehmann all seine Spieler zuryck zu Mittelinie zieht, und Lehmann mit dem ball dann ungestört bis Mitte der eigenen Hälfte geht, ein weites Abspiel zu Gomez macht, und er weiterköpft an Cacau, der beim Direkannahme ein Tor gegen Heartha, dann ist das ein Aspekt beim Drillofussball von feinsten.

Norwegen hat unter Drillo gegen gute Nationalmannschaften öfters eine eher defensive Grundformation gepflegt, es war fast immer 4-5-1, und ein Ziel war es, immer wenn der Gegner im Ballbesitz ist, möglichst viele Leute zwischen dem Ball und das eigene Tor zu haben.

Und das ist fast immer gut gelungen. Die norwegische Verteidigung hat die Fußballgroßheiten, eine nach der anderen, zum Verzweifeln gebracht. Holland, Italien, England, Portugal, Frankreich, Mexiko, Spanien und Brasilien – alle waren ohne effektive Mittel gegen die Verteidigung von Drillo.

Und, mit allem Respekt für Jogi Löw und den deutschen Fußball: Das hatten Ballack, Gomez und all die anderen, die es am 11. Februar dieses Jahres versuchten, auch nicht. Und das lag wahrscheinlich nicht nur daran, das Deutschland einen schlechten Tag hatte, sondern auch daran, dass die Norweger diese Spielweise sehr gut durchführten, also, dass Norwegen gut spielte. Und am Ende regelrecht überrannten sie ja auch die deutsche Mannschaft, eine nicht untypische Spielentwicklung während der Zeit als Drillo von 1990 bis nach der WM-Teilnahme 1998 Nationaltrainer war. Damals, im letzen Gruppenspiel gegen Brasilien, war das nicht anders, Norwegen scorte 2 Tore gegen Ende der Partie, und gewann mit 2-1.

Drillo sucht nach Typen. Er analysiert auf Grund von Videoaufnahmen sehr genau wie der Gegner spielt, und denkt sich danach was aus. Er setzt auf Spitzenqualitäten, auf Spieler die extreme Fähigkeiten in einem Teil des Fußballspieles besitzen. So sind die eher mittelmäßig begabten Jostein Flo und „Mini“ Jacobsen unter ihm auf mehr als 50 Länderspiele gekommen. Jostein weil er groß und kräftig ist, und als sehr kopfballstark ein perfektes Ziel für hohe Bälle im Strafraum des Gegners war. Mini, weil er sehr schnell war, und deswegen sehr geeignet als Anspielziel bei der defensiven Balleroberung, wenn die ganze Mannschaft tief lag. Blitzschnell ging's dann Richtung Tor, so ähnlich wie gegen Deutschland.

Drillo setzt auf die Stärken
jedes Einzelnen. Ihre Schwächen, z. B. dass die Norweger generell noch schlechter mit dem Ball umgehen können als die Deutschen, kann er als Nationalcoach sowieso nicht ändern. Dann lässt er halt so spielen, dass die Spieler ihre Stärken nützen können. Und es ist beinahe genial wie er ein Team zusammensetzt, und wie er dann auch motiviert, und glasklare Instruktionen gibt, wie sie sich während den unterschiedlichen Spielfasen zu verhalten haben.

Drillo ist Kult – und hat Kultur
Als Drillo an einem kühlen, rauen Mittwochabend im späten Oktober 1990 im Ullevaal Stadion sein erstes Länderspiel gegen Kamerun, der großen Sensationmannschaft der WM kurz davor, leitete, wurde er sofort zu einer Kultfigur. Da stand der kleine Mann an der Seitenlinie in niedergefalteten Gummistiefeln (wegen eines Rheumaleidens)  und  dirigierte,  nachdem  er

gleich bei der Pressekonferenz zur Verpflichtung, den Verband zu einer guten Entscheidung, nähmlich ihn anzustellen, gratuliert hatte.

Kamerun, das bei der WM in einer Gruppe mit der Sovjetunion, Rumänien und Argentinien, mit beeindruckendem Offensivfußball erst im Viertelfinale knapp gegen England aus dem Turnier flog, würde völlig niedergewalzt und verlor mit 6-1. Und so ging´s einfach nur weiter und weiter durch 8 Jahre, nur mit ein paar kleineren Rückschlägen, gemessen an dem, was man von einer norwegischen Mannschaft, trotz Drillo, erwarten darf.

Sogar dass Drillo lange vor Paul Breitner ein Fan von Mao Tse Tung war, und Mitglied der China-orientierten kommunistischen Partei AKP (m-l) war, wurde ihm von allen sofort vergeben. Ein nicht unbedeutender Teil der Norweger fand es sogar gut, weil sie selbst mit dieser Gruppe Menschen sympathisierten. Wie z. B. die Verfasser Dag Solstad und Jon Michelet, die viele Romane mit propagandistischem Inhalt geschrieben haben. Jetzt waren sie aber auf einmal Fußball-Fans, und schrieben große, sehr populäre Bücher über die Weltmeisterschaftsturniere.

Drillo ist doch kein totaler Fußball-Verrückter, er besitzt auch andere Qualitäten und Interessen. Auf Reisen mit der Nationalmannschaft hat er immer wieder die Journalisten unterhalten, indem sie ihm Fragen stellen durften, und zwar zu Geografie und Landeskunde zu allen mehr als 200 Staaten der Welt. Seine Gehirnzellen scheinen mit Klisterwachs belegt zu sein – alles bleibt hängen.

Als Clubtrainer nur durchschnittlich erfolgreich
Der Drillo hat auch eine lange Trainerkarriere hinter sich, vor und nach der A-Nationalmannschaft. Mit nur durchschnittlichen, oder vielleicht knapp über durchschnittlichen Erfolgen.

Ein Beispiel davon, ist, als die norwegische Fischerei- und Ölscheichs Kjell Inge Røkke und Bjørn Rune Gjelsten, den englischen Traditionsverein Wimbledon, der in Premier League spielte, vor der Saison 1999/2000 kauften, dann installierten sie gleich Drillo als Manager, der sofort 5 Norweger verpflichtete. Da sollte dann alles besser werden – es hat aber nicht so ganz geklappt...

Drillo wurde schweren Herzens von seinen Landesleuten
einige Spiele vor Saisonschluss abgesetzt, als der Verein noch auf einen Nicht-Abstiegsplatz zu finden war. Als Drillo dann weg war, ging's direkt bergab in Liga 2... Aufgrund des dann niedrigeren Einkommens, verloren Røkke und Gjelsten schnell ihre Interesse am Club, und verkauften. Nachher ging’s dann nur bergab – Wimbledon FC gibt's gar nicht mehr.

Drillo wieder Nationaltrainer – im Irak!
Der Verfasser dieses Textes hat eigentlich keine Wahl, er muss es zugeben: Er bekam einen Riesenschock als er auf Video-Text bei ARD im September 2007 las dass Egil Olsen als Trainer für den Irak engagiert ist. Irak – ein Land mit einer von USA eingesetzten Regierung! Ein Land, das sich quasi noch im Krieg befindet, und politisch wohl so weit von seinen früheren Vorstellungen entfernt war, wie es halt geht. Ein Land, das nach einer amerikanischen Invasion immer noch von den Amis gelenkt wurde, und dann als ehemaliger (?) Kommunist für diese, die wohl nach Siebzigerchargon als Söldnerregierung bezeichnet werden kann, zu arbeiten, ja das schien diesem hier schreibenden Mensch einfach zu viel des Guten / Bösen zu sein. Und, hatte der Mann da gar keine Angst?

Naja, nach Telefongesprächen mit Oslo wurde ich dann halbwegs beruhigt: Es stand in seinem Vertrag, dass er
gar nicht in den Irak reisen musste - sie durften sowieso keine Heimspiele bestreiten... Die Profis spielten fast alle im Ausland, und die Trainingslager der Nationalmannschaft wurden in Jordanien gehalten.

Nach sechs Spiele (3-2 Niederlage in einem Freundschaftsspiel gegen Quatar, 7-0 Sieg und unentschieden 0-0 in den WM-Qualifikationsspielen gegen Pakistan, danach 1-1 gegen Jordanien und 1-0 Sieg über die Arabischen Emiraten, schließlich ein WM-Quali gegen China, das 1-1 endete) wurde er dann nach einem halben Jahr entlassen.

Kulturschock
Der damals 64-jährige Trainer erlebte einen ziemlichen Kulturschock da unten am Golf. -Es war schwierig, sagte Drillo. -Als ich anfing, war's Ramadan, und die Spieler durften tagsüber kein Wasser trinken, und das im Trainingslager in der Wüste, mit 40 Grad im Schatten. Also mussten wir die Tages-Einheiten absagen, und nur abends trainieren. Als er dann am 22. Februar 2008 gefeuert wurde, gab es vom Fußballverband als Begründung zu hören: -Die Spieler zeigen ja gar keine Angst vor Ihnen! Was er ja dann, als er dieses Jahr wieder beim Norwegischen Verband anfing, als der durchaus mit Humor ausgerüstete Mann dann nutzte, und sagte:
-Hier haben ja mindestens die Chefs nicht die Bedingung gestellt, dass die Spieler vor mir Angst haben müssen! Das haben sie ja auch nicht. Er wird von den Nationalspielern beinahe ausnahmsweise verehrt, weil sie ja schnell entdecken, dass seine Aussagen und Theorien im Spiel funktionieren. Der Unbekannte, der Ballack als Gegenspieler haben sollte, sagte er z. B.:
-Bitte eng an ihm bleiben. Habe keine Angst, Michael Ballack ist weltberühmt, aber er ist nicht besonders schnell. Und das hat ja prima geklappt...

Sein zweiter, oder eigentlich dann erster, Kulturschock gab's für Drillo in Wimbledon. Nach seiner Entlassung sagte er dann:
-Ich bin mir sicher, dass es nicht an meiner Fußballphilosophie lag. Aber ich habe die englische Kultur und dessen Bedeutung unterschätzt.

Drillo ist norwegische Fußballkultur. Immerhin hat er auch im eigenen Land, nach dem Jahr 2000, nachdem sein Nachfolger, Nils Johann Semb in der Nationalmannschaft weiterhin nach den Ideen und dem System von Drillo weiterspielen ließ, erst mit dem gleichen Erfolg wie Drillo, aber als es dann nach der Teilnahme bei der EM 2000 bergab ging, auf Widerstand stieß. In den Jahren von Herbst 2000 bis Herbst 2004 hat die Mannschaft sich mehr und mehr in ein tiefes Loch reingespielt, es gab fast nur langweiliges, defensives und erfolgloses Spiel mit langen, hohen Bällen nach vorne, die niemand umsetzen konnte. Es war Drillo-Stil als Parodie. Und so wie es halt oft ist: Man hat dann auch Drillo und seine Fußballphilosophie angegriffen, nicht nur der Semb, der es dann nicht mehr geschafft hat, die Spieler zu Bestleistungen zu motivieren. Dann kam aber Åge Hareide, und dann sollte alles besser werden. Norwegen sollte ballbesitzorientiert auftreten.

Das wurde natürlich eine Katastrophe. Einer der ersten Spiele war ein WM-Quali gegen Italien in Italien, und mehr dazu zu sagen gibt es nicht. Außer dass Norwegen mit unfassbar viel Glück nur mit 2-1 verlor. Sah aus wie Profis gegen 5. Liga.

So ging das dann meistens weiter, vier Jahre lang. Das ganze Land verlor beinahe jedes Interesse an der Nationalmannschaft. Bis jetzt, da die Euphorie nach dem Wiedereinstieg von Drillo wieder aufgeflammt ist, und das erst recht seit dem verdienten Sieg in der Winterpause gegen Deutschland, und das mit ein Haufen Ersatzspieler. In Norwegen sagt man er ist ein Trollmann.

Der Plakat trägt den Text "Du kommst nicht zur WM in lakkierten Schuhe und mit Zigarren". Eine Werbeaufnahme vor der WM in USA 1994.

Eine ausführliche Übersicht über die grössten Erfolge unter Drillos Herrschaft - klicken Sie HIER
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